Prozesse
Entnahmestrategie für Warenausgänge
TL;DR
Die Entnahmestrategie legt fest, wie rocklog Edge im Schritt Ware reservieren entscheidet, aus welchen Beständen eine Warenausgangsposition bedient wird. Sie wählen pro Auftragstyp zwischen zwei Verfahren:
- Standard-Entnahme — verteilt den Bedarf in FEFO-Reihenfolge (zuerst verfallende Bestände zuerst), ohne Gegenrechnung mit Anbruchsverlust oder Pickanzahl.
- Kostenoptimierte Entnahme — wägt drei Ziele gegeneinander ab und wählt die Kombination mit den geringsten Gesamtkosten: möglichst wenig Anbrüche, möglichst wenig Pickvorgänge, FEFO. Die Gewichtung der drei Ziele bestimmen Sie über drei Parameter im Bereich
0.00 … 1.00.
Beide Strategien können verfallene Bestände automatisch von der Auswahl ausschliessen.
Wo wird die Strategie gepflegt?
Im Stammdatenbereich unter Arbeitsschritte. Pro Zeile ordnen Sie einem Auftragstyp und einer Aktion (z. B. «Ware reservieren») die Entnahmestrategie und die übrigen Parameter zu.
- Schnellsuche (
Ctrl+K): nach «Arbeitsschritt» suchen und den Stammdaten-Eintrag öffnen.

- In der Übersicht «Arbeitsschritt» sehen Sie in der Spalte Entnahmestrategie, welche Variante für jeden Schritt gilt (häufig «Standard-Entnahme»; der Schritt «Ware reservieren» kann z. B. auf «Kostenoptimierte Entnahme» stehen).

- Optional: Über Erweiterte Suche filtern Sie z. B. nach Aktion «Ware reservieren», um genau die Zeile(n) zu finden, in denen Reservierungen entstehen.


- Öffnen Sie den Detaildatensatz des gewünschten Arbeitsschritts. Die feinen Einstellungen liegen im Reiter Picking (nur sinnvoll bzw. sichtbar, wenn die Aktion
Ware reservierenist — also der Schritt im Warenausgang, der die eigentlichen Reservierungen anlegt). Dort stellen Sie Entnahmestrategie, Gewichte und «Verfallene Bestände überspringen» ein.

Hinweis: Das abgebildete Detail zeigt beispielhaft eine andere Gewichtung als in den «Erläuternden Beispielen» weiter unten — die Screenshots zur Navigation und zum Ort der Pflege sind davon unabhängig gültig.
Parameter im Überblick
| Parameter | Werte | Wirkung |
|---|---|---|
| Entnahmestrategie | Standard-Entnahme / Kostenoptimierte Entnahme | Schaltet zwischen den beiden Verfahren um. |
| Verfallene Bestände überspringen | Ja / Nein | Wenn aktiv, werden Bestände mit einem Verfallsdatum in der Vergangenheit gar nicht erst zur Auswahl angeboten. |
Teilentnahmen vermeiden (optimize_to_avoid_partial_picks) | 0.00 … 1.00 | Gewichtet den anteiligen Verlust eines Anbruchs. Hohe Werte schützen ganze Einheiten (Paletten, volle Container) davor, für kleine Bedarfe geöffnet zu werden. |
Weniger Picks (optimize_for_less_picks) | 0.00 … 1.00 | Gewichtet die Anzahl der Pickvorgänge. Hohe Werte bevorzugen wenige grosse Picks gegenüber vielen kleinen. |
FEFO-Priorität (optimize_for_fefo) | 0.00 … 1.00 | Gewichtet das Verfallsdatum. Hohe Werte bevorzugen früher verfallende Bestände. |
Hinweis: Die drei Gewichtungsparameter sind nur sichtbar, wenn die Strategie auf Kostenoptimierte Entnahme steht.
Wie funktioniert die kostenoptimierte Entnahme?
Für jede Auswahl an Beständen, die den Bedarf decken, berechnet das System einen Kostenwert:
Kosten =
Teilentnahme-Gewicht * Anbruchsverlust
+ Pick-Gewicht * Anzahl genutzter Bestände
+ FEFO-Gewicht * Summe der normierten Restlaufzeiten
Die Auswahl mit den niedrigsten Kosten gewinnt. Die Strategie ist also kein starres "immer FEFO" oder "immer wenige Picks", sondern eine gewichtete Abwägung, die Sie auf die Lager- und Auftragsstruktur Ihres Standorts zuschneiden können.
Wie ist der Anbruchsverlust definiert?
Wenn aus einem Bestand mit Gesamtmenge 100 nur 11 Stück entnommen werden, ist der "Verlust" der zurückbleibende Anteil: 89/100 = 0.89. Eine vollständige Entnahme (z. B. 10 aus einem 10er-Pack) hat keinen Anbruchsverlust und liefert einen Beitrag von 0.
Die Kennzahl bestraft also nicht den Pick selbst, sondern das Aufreissen einer Verpackung, deren Restmenge anschliessend kommissioniert verstaut werden muss.
Wie wird die FEFO-Komponente normiert?
Innerhalb der zur Auswahl stehenden Bestände wird der maximale Restlaufzeit-Horizont auf 1.0 skaliert; alle anderen Bestände bekommen einen Wert zwischen 0.0 (heute oder bereits verfallen — höchste FEFO-Priorität) und 1.0 (am weitesten in der Zukunft). Bestände ohne Verfallsdatum werden als "neutral" behandelt.
Praxis-Interpretation der Gewichte
Die folgenden Beispielprofile zeigen, wie die Defaults (1.00, 0.50, 0.30) in den meisten Lagern wirken — und wie Sie die Werte gezielt verschieben, wenn ein Ziel dominieren soll.
Beispiel-Lager
Sie haben für einen Artikel folgende Bestände:
| Bestand | Menge | Bedeutung |
|---|---|---|
| A | 2 | kleiner Restposten |
| F | 10 | normaler 10er-Pack |
| G | 100 | volle Palette |
Es soll ein Bedarf von 11 Stück kommissioniert werden.
Möglichkeiten:
| Variante | Anbruch | Picks | Kommentar |
|---|---|---|---|
| nur G — 11 von 100 entnehmen | 0.89 | 1 | Palette G wird angebrochen, Restmenge 89 muss zurückgelagert werden |
| A voll (2) + F partial (9 von 10) | 0.10 | 2 | A geht komplett, F nur leicht angebrochen, G bleibt intakt |
| A partial (1) + F voll (10) | 0.50 | 2 | F geht komplett, A wird unschön angebrochen |
Mit den Default-Werten (1.00, 0.50, 0.30)
| Variante | Kostenrechnung | Total |
|---|---|---|
| nur G | 1.00·0.89 + 0.50·1 + 0.30·0 | 1.39 |
| A voll + F partial 9 | 1.00·0.10 + 0.50·2 + 0.30·0 | 1.10 ← Sieger |
| A partial + F voll | 1.00·0.50 + 0.50·2 + 0.30·0 | 1.50 |
Mit den Defaults gewinnt die Variante, die die volle Palette G unangetastet lässt — auch ohne dass Sie irgendetwas einstellen müssen. Dies ist in den meisten Lagern der gewünschte Effekt, weil eine angebrochene Palette deutlich mehr Folgekosten erzeugt (Rückführung, Inventurbewegung, Etikettierung) als ein leichter Anbruch eines bereits offen stehenden Pakets.
Wenn Pickanzahl maximal wichtig ist — (0.00, 1.00, 0.00)
Manche Lager wollen jede Pickbewegung minimieren, weil jede Bewegung lange Wege oder Maschineneinsatz verursacht. Mit diesen Gewichten wird immer der grösste passende Bestand gewählt:
| Variante | Total |
|---|---|
| nur G | 1.0 ← Sieger |
| A voll + F partial 9 | 2.0 |
Effekt: Auch eine volle Palette wird für 11 Stück geöffnet, weil das nur einen einzigen Pickvorgang kostet.
Wenn Anbrüche absolut zu vermeiden sind — (1.00, 0.00, 0.00)
In Lagern, in denen jede angebrochene Verpackung erheblichen Mehraufwand erzeugt (Pharma, Frische), kann es sinnvoll sein, nur den Anbruchsverlust zu bewerten:
| Variante | Total |
|---|---|
| nur G | 0.89 |
| A voll + F partial 9 | 0.10 ← Sieger |
| A partial + F voll | 0.50 |
Effekt: Die Strategie zerlegt den Bedarf in viele kleine, möglichst vollständige Picks — selbst wenn dadurch viele Pickvorgänge entstehen.
Wenn FEFO unverzichtbar ist — (0.10, 0.10, 1.00)
Verderbliche Ware (Lebensmittel, Verbandsmaterial) muss zuerst nach Verfallsdatum entnommen werden, dann erst sollen Anbrüche und Pickanzahl berücksichtigt werden:
- Hohes FEFO-Gewicht erzwingt, dass früh verfallende Bestände zuerst dran sind.
- Geringes Anbruchs- und Pick-Gewicht sorgen dafür, dass die FEFO-Reihenfolge nicht durch andere Optimierungen umgangen wird.
Faustregel
| Lagerprofil | Empfehlung |
|---|---|
| Standardlager mit gemischten Gebinden | (1.00, 0.50, 0.30) (Default) |
| Pickeffizienz dominiert (lange Wege, Roboter) | Pick-Gewicht erhöhen, z. B. (0.50, 1.00, 0.30) |
| Verderbliche Ware | FEFO-Gewicht dominiert, z. B. (0.30, 0.30, 1.00) |
| Hochwertige geschlossene Verpackungseinheiten | Anbruchs-Gewicht maximieren, z. B. (1.00, 0.20, 0.20) |
Erläuternde Beispiele
Die folgenden Beispiele vergleichen beide Strategien anhand eines identischen Lagersetups und fünf realen Bedarfen. Sie zeigen, wie die Wahl der Strategie die konkrete Bestandsauswahl im Schritt Ware reservieren steuert (Vorschau Reservierbarkeit prüfen).
Setup
- Artikel: Halbfabrikat B2 (Standort
16-BUF) - Bestand:
4× 2 Stück(Kleinrestposten),4× 10 Stück(10er-Packs),4× 100 Stück(volle Paletten) — 12 Bestände, Gesamtmenge 448 - Arbeitsschritt «Ware reservieren» mit der im Screenshot gezeigten Gewichtung
(1.00 / 0.50 / 0.30)und aktivem «Verfallene Bestände überspringen» - Fünf Warenausgänge mit den Bedarfen
48,200,100,11,8



Alle weiteren Abbildungen zeigen dieselbe Vorschau mit Untertitel Standard-Entnahme bzw. Kostenoptimierte Entnahme.
Bedarf 48 — viele volle Kleingebinde oder ein Palettenanbruch?
Der Bedarf lässt sich ohne Rest vollständig aus kleineren Einheiten zusammenstellen (4×10 + 4×2 = 48), erfordert dafür aber mehrere Picks; alternativ genügt ein einziger Pick aus einer Palette 100, der diese aber anbricht.

| Strategie | Picks | Entnahme | Anbruchsverlust |
|---|---|---|---|
| Standard-Entnahme | 1 | 48/100 (FEFO: älteste grosse Einheit zuerst) | 0.52 |
| Kostenoptimierte Entnahme | 8 | 4× 10/10 und 4× 2/2, alle vollständig | 0.00 |
Gedankenrechnung (nur Anbruch- und Pick-Anteil, FEFO hier weggelassen): Eine Teilentnahme 48/100 hätte Kosten 1.00·0.52 + 0.50·1; acht volle Entnahmen hätten 0 + 0.50·8. Welche Variante die Optimierung wählt, hängt von den drei Gewichten und der tatsächlichen FEFO-Situation je Bestand ab — die Screenshots zeigen das Ergebnis für das abgebildete Testsystem.
Wenn Sie für Bedarf
48ausdrücklich die Kombination aus 10er- und 2er-Packs erzwingen möchten, reduzieren Sie typischerweiseoptimize_for_less_picks(und prüfen Sieoptimize_for_fefo, falls grosse und kleine Bestände unterschiedliche Restlaufzeiten haben).
Bedarf 200 — exakt zwei volle Paletten

| Strategie | Picks | Entnahme | Anbruchsverlust |
|---|---|---|---|
| Standard-Entnahme | 2 | 2× 100/100 | 0.00 |
| Kostenoptimierte Entnahme | 2 | 2× 100/100 | 0.00 |
Passt der Bedarf exakt in vorhandene Grosseinheiten, liefern beide Strategien dasselbe Ergebnis — es gibt keinen Zielkonflikt zwischen wenigen Picks und vermeidbarem Anbruch.
Bedarf 100 — FEFO-Rest auffüllen oder frische Palette?

| Strategie | Picks | Entnahme | Anbruchsverlust |
|---|---|---|---|
| Standard-Entnahme | 2 | 90/100 (Rest einer bereits angesprochenen Palette) + 10/10 | 0.10 |
| Kostenoptimierte Entnahme | 1 | 100/100 (eine volle Palette) | 0.00 |
Die Standard-Entnahme folgt strikt FEFO und «räumt» zuerst den älteren, teilweise schon reservierten Bestand auf, bevor ein voller 10er-Pack dazukommt. Die kostenoptimierte Entnahme wählt stattdessen eine intakte Palette in einem Pick.
Bedarf 11 — kleiner Bedarf zwischen Gebinde-Grössen

| Strategie | Picks | Entnahme | Anbruchsverlust |
|---|---|---|---|
| Standard-Entnahme | 1 | 11/100 | 0.89 |
| Kostenoptimierte Entnahme | 2 | 9/10 + 2/2 | 0.10 |
Die kostenoptimierte Variante nimmt einen zweiten Pick in Kauf, um die Palette nicht für elf Stück zu öffnen: leichter Anbruch am 10er-Pack, der 2er-Pack geht leer.
Bedarf 8 — ein Kleingebinde reicht

| Strategie | Picks | Entnahme | Anbruchsverlust |
|---|---|---|---|
| Standard-Entnahme | 1 | 8/100 | 0.92 |
| Kostenoptimierte Entnahme | 1 | 8/10 | 0.20 |
Gleiche Pickanzahl, aber stark unterschiedlicher Anbruch: Statt die Palette aufzureissen, wird ein 10er-Pack geöffnet; die Restmenge nach der Reservierung sinkt von 92 auf 2.
Zusammenfassung
| Bedarf | Standard (Picks / Verlust) | Kostenoptimiert (Picks / Verlust) | Kurzkommentar |
|---|---|---|---|
| 48 | 1 / 0.52 | 8 / 0.00 | Standard: FEFO + grosse Einheit; Kostenopt.: volle Kleingebinde |
| 200 | 2 / 0.00 | 2 / 0.00 | Identisch |
| 100 | 2 / 0.10 | 1 / 0.00 | Kostenopt.: eine frische Palette statt FEFO-Rest + 10er |
| 11 | 1 / 0.89 | 2 / 0.10 | Kostenopt.: Palette geschützt |
| 8 | 1 / 0.92 | 1 / 0.20 | Kostenopt.: 10er statt Palette |
Verfallene Bestände überspringen
Aktivieren Sie diesen Schalter, wenn ein Bestand mit Verfallsdatum in der Vergangenheit gar nicht erst angeboten werden soll. Wirkt unabhängig von der gewählten Strategie und schliesst die betroffenen Bestände bereits vor der Auswahl aus.
Praktischer Effekt: Verfallene Bestände werden als Inventur- bzw. Zerstörungsfall behandelt und nicht versehentlich an Kunden ausgeliefert.
Wann sich ein Wechsel der Strategie lohnt
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Ihre Lagerprozesse waren bisher rein FEFO-getrieben und sollen so bleiben | Standard-Entnahme |
| Sie öffnen häufig grosse Gebinde für kleine Bedarfe und möchten das vermeiden | Kostenoptimierte Entnahme, hohes optimize_to_avoid_partial_picks |
| Sie wollen FEFO als harte Regel, aber bei gleichwertigen Beständen die Anbrüche minimieren | Kostenoptimierte Entnahme, hohes optimize_for_fefo, mittleres optimize_to_avoid_partial_picks |
| Sie kommissionieren manuell und jede zusätzliche Pickbewegung kostet Zeit | Kostenoptimierte Entnahme, hohes optimize_for_less_picks |
Ein Strategiewechsel wirkt ab dem nächsten Ware reservieren-Schritt; bereits reservierte Aufträge bleiben unverändert.